Brief an Sächischen Kultusminister Piwarz

Nachfolgenden Brief der Leiterin der Kita „Haus Sonnenschein“ Löbau sendete die AWO Oberlausitz am 30.04.2021 an den Sächsischen Staatsminister für Kultus:

Sehr geehrter Herr Staatsminister Piwarz,

die AWO KV Oberlausitz e.V. ist Träger von 17 Kindertagesstätten im Landkreis Görlitz. Im Namen der Leiterinnen und Leiter richte ich heute meine Worte an Sie. Mein Name ist Anke Gruhl, ich bin Leiterin der Kita „Haus Sonnenschein“ in Löbau.

Seit über einem Jahr befinden wir uns auf Grund der Pandemie auf einer Achterbahnfahrt, was die Betreuung der uns anvertrauten Kinder sowie den dafür notwendigen Betrieb der Einrichtungen betrifft. Bisher sind alle Mitarbeiter*innen unserer Kindertagesstätten – pädagogisches und technisches Personal gleichermaßen – ohne großes Murren auf der Achterbahn mitgefahren. Wir haben alle, oftmals sehr kurzfristig getroffenen Entscheidungen respektiert und akzeptiert, Rahmenbedingungen geschaffen und optimal zum Wohl der Kinder umgesetzt, die Elternschaft bei Unsicherheiten begleitet und deren Unmut – mal laut, mal leise – ertragen, den Vorteil von Mund-Nasen-Bedeckungen gepriesen und später das Tragen immer wieder vehement eingefordert, Systemrelevanz erklärt und uns böse Kommentare dazu angehört, haben jeden Tag jedes Kind liebevoll betreut und testen uns seit Neuestem zweimal wöchentlich auf das Corona-Virus.

Jetzt, nach mehr als einem Jahr dieser sich ständig verändernden Bedingungen zum Betrieb der Einrichtungen, können und wollen wir nichts mehr nur ertragen. Seit mehr als einem Jahr leisten wir unseren Beitrag zur Bekämpfung der Pandemie, indem wir allen Kindern die Betreuung, Bildung und Erziehung ermöglichen, die sie so sehr zum gesunden Aufwachsen brauchen. Seit mehr als einem Jahr ist es uns nicht möglich, unsere pädagogischen Konzepte vollumfänglich und zufriedenstellend umzusetzen. Wir konnten letztes Jahr die Vorschüler nicht optimal auf den Übergang in die Schule vorbereiten und wir können es dieses Jahr wieder nicht – warum eigentlich? Ist das letzte Kindergartenjahr nicht auch ein Abschlussjahr und hat ein Recht darauf, von den betreffenden Kindern genutzt zu werden? Seit mehr als einem Jahr leidet das seelische Wohlbefinden unserer Kinder unter den ständig wechselnden Betreuungsbedingungen. Und die Pädagogen leiden mit. Jetzt sind unsere Kräfte verbraucht, wir fühlen uns nicht wahrgenommen und nicht wertgeschätzt.

Und das liegt nicht zuletzt an der aktuell geltenden Vorschrift des Betretungsverbotes für Eltern ohne negativen Testnachweis. Wer in Ihrem Beraterstab aus der Kita-Praxis hat Ihnen glaubhaft versichern können, dass diese Vorschrift ohne erhebliche Belastungen des pädagogischen Personals – und auch der Kinder – einhergehen könnte? Haben diese Personen das Alter der Kinder beachtet, die so in den Betreuungstag starten müssen? Sicher, es gibt Kinder, die wachsen an dieser Herausforderung. Es gibt jedoch auch Kinder, die mit dieser Situation völlig überfordert sind. Und sicher, es gibt viel Engagement und gute Ideen von Seiten der Pädagogen bei der Umsetzung in jeder einzelnen Kita. In der Praxis sieht es größtenteils jedoch so aus, dass die Erzieher*innen (oder die Leitung, wenn diese nicht gerade in einer Gruppe mitarbeiten muss) nun in den Bringe- und Abholzeiten zum Laufburschen werden, um die Kinder den Eltern an den Eingangstüren abzunehmen bzw. zu bringen. In diesen Momenten lassen sie die anwesenden Kinder oftmals in den Gruppen allein zurück. Es gibt kein zusätzliches Personal, das als „Portier“ eingesetzt werden kann, das gibt der Personalschlüssel einfach nicht her. Der psychologische Effekt dieser Bestimmung ist weder für die Kinder noch die Erziehungspartnerschaft zwischen Eltern und Pädagogen förderlich, denn es ist nicht immer die gewohnte Erzieherin, die das Kind übernimmt oder übergibt. Ist sie es glücklicherweise doch, gibt es kaum eine Chance auf ein, wenn auch kurz gehaltenes, Tür- und Angelgespräch, denn in der Gruppe warten die Kinder und vor der Tür die anderen Eltern. Warum dürfen die Eltern nicht wie bisher mit medizinischer Mund-Nasen-Bedeckung zum Bringen und Abholen ins Gebäude? Gelten die kurzen Aufenthalte in den Garderoben als Hotspots der Verbreitung des Virus? Reicht die strikte Einhaltung der AHA- Regeln nicht aus?

Unsere Forderung an Sie lautet: Lassen Sie die Eltern wieder ins Gebäude! Gehen Sie vor den nächsten Beschlüssen, was den Betrieb von Kitas betrifft, in die Einrichtungen und machen Sie sich ein Bild von der Wirklichkeit! Wertschätzen Sie unsere Arbeit und reden Sie mit uns!

Und nun befinden wir uns vor dem Hintergrund der Novellierung des Infektionsschutzgesetzes wieder im Modus Notbetreuung und der Kampf um deren Genehmigung hat begonnen. Denn es ähnelt einem Kampf, den wir hier vor Ort mit anrührend bittenden und vehement fordernden Eltern führen. Das übersteigt bei Weitem unsere Kräfte, das geht direkt an die Substanz. Auf Nachfragen mancher Eltern bei Ihrem Ministerium wird der Ball den Trägern zurückgegeben, diese sollen nach Ermessen entscheiden. Nach unserem Ermessen sind alle Familien systemrelevant. Wenn eine Notbetreuung auf Grund von hohen Inzidenzwerten erforderlich ist, erwarten wir von den verantwortlichen Ministerien klare Aussagen!

Wir wissen, dass Sie, sehr geehrter Herr Minister, sich für die weitere Öffnung der Kitas eingesetzt haben. Mit der aktuellen Teststrategie und dem verantwortungsvollen Miteinander aller Kinder, Eltern und Pädagogen sollte es doch möglich sein, die Kitas wieder für alle zu öffnen. Bitte kämpfen Sie in diesem Sinne weiter für unsere Kinder!

Hochachtungsvoll

Anke Gruhl